Der Change in der Assekuranz: Ein notwendiges Übel?

 
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Kaum eine Branche steht durch die Digitalisierung vor so einschneidenden Veränderungen wie die Assekuranz. Laut einer aktuellen Studie des Softwareherstellers Adcubum und den Versicherungsforen Leipzig wird sich auch der Versicherungsvertrieb durch den digitalen Wandel massiv verändern. Die Prognose: In 10 bis 15 Jahren werden künstliche, intelligente Systeme den klassischen Versicherungsvermittler weitgehend ersetzt haben. Die Studie stützt sich auf die Analyse relevanter Zukunftstrends, aktuelle technologische Best Practices sowie auf die Befragung von Versicherungsvorständen und Experten für die digitale Transformation der Branche hin zur Assekuranz 4.0. Doch nicht nur die Digitalisierung stellt für Versicherungsunternehmen aktuell eine große Herausforderung dar – auch andere Faktoren und Entwicklungen erfordern zum Teil tiefgreifende Veränderungen.

Digitalisierung: Der Megatrend der Digitalisierung macht natürlich auch vor Versicherungen nicht halt. Ganz im Gegenteil: Gerade die Versicherung als solches – ein abstraktes, nicht-physisches Produkt – ist in höchstem Maße digitalisierungs-affin und -bedürftig. Das gilt ebenso für Rationalisierungspotenziale im Betrieb, für neue – bessere oder günstigere – Wege im Vertrieb sowie die Gestaltung der Kundenbeziehung, beispielsweise durch Einsatz neuer Technologien wie Künstliche Intelligenz oder Robotics. Darüber hinaus muss auch der Kern des Versicherns, nämlich die Erfassung, Prognose und dann wahlweise Minderung oder Übernahme von Risiken einen digitalen Wandel vollziehen. In einer Welt der allumfassenden Vernetzung ergeben sich hier vollkommen neue Potenziale. Die aktuellen Stichworte Telematiktarife oder Vitality (verhaltensabhängige Anreize in der Krankenversicherung) sind hier erst der Anfang dessen, was Vernetzung und Big Data auf der Angebotsseite ändern werden. Dabei können sich auch ganze Sparten vollkommen wandeln (z. B. Hersteller- statt Halterhaftung beim selbstfahrenden Auto), indem neue Geschäftsmodelle erschlossen werden, umsatzträchtige Risiken an Relevanz verlieren (rückgehende Unfallhäufigkeit im Verkehr, bessere Überwachung und Steuerung in der Industrie) oder neu hinzukommen (vor allem die sogenannten Cyber-Risiken).

Neue Player am Markt: Die Digitalisierung bietet aber nicht nur zahlreiche neue Geschäftschancen für bestehende Anbieter, sondern sie bringt auch neue Akteure hervor – sei es in Form von innovativen Neugründungen (InsurTechs), branchenfremden Anbietern mit engem Kontakt zu den Kunden oder besserem Zugriff auf die anfallenden Daten (wie der Automobilindustrie) oder den Giganten der Internetökonomie. Hier wird der Begriff GAFA (ein Akronym aus Google, Amazon, Facebook und Apple) immer häufiger genannt und geistert als Schreckgespenst durch die Branche. Das derzeit billig verfügbare Kapital tut ein Übriges, Innovation zu beschleunigen und möglicherweise nicht nur "evolutionäre", stufenweise Entwicklungen zu finanzieren, sondern auch Start-ups oder Quereinsteiger mit "revolutionären", disruptiven Ansätzen mit einer üppigen Finanzausstattung in den Markt zu schicken.

Die Welle der Innovation trifft nun auf bestehende Anbieter, die zum Teil noch nicht einmal ihre eigene traditionelle Informationstechnik im Griff haben. Die veralteten und isoliert nebeneinander her arbeitenden IT-Systeme sowie die zwar großen, aber höchst lückenhaften Datenbestände sind genauso Innovationsbremsen wie verteilte Zuständigkeiten, mangelnde Zugriffsrechte oder letztendlich der Datenschutz. Darüber hinaus ist die Versicherungswirtschaft bislang geprägt durch eine zwar langfristige und solide, aber auch innovationsfeindliche Unternehmenskultur. Beides – IT und Kultur – sind Kriterien, die einen Wettbewerbsvorteil für Quereinsteiger und innovative "Neustarter" begünstigen.

Niedrigzinsumfeld: Wie bereits erwähnt, bricht mit weitgehendem Wegfall der Kapitalerträge eine wesentliche Einnahmequelle der Branche weg. So müssen sich in Zukunft zum Beispiel die Kfz-Versicherung, die Industrieversicherung oder die Haftpflichtversicherung tatsächlich aus der Differenz zwischen Prämieneinnahmen einerseits und Kosten (Schäden plus Verwaltung) andererseits finanzieren. Anfallende Defizite können nicht mehr aus den Kapitalerträgen ausgeglichen werden. Noch einschneidender sind die Auswirkungen auf die Personenversicherung: Wurden Lebensversicherten in der Vergangenheit üppige Mindestrenditen garantiert und konnten mit dem Alter steigende Krankenversicherungsbeiträge durch rentabel angelegte Altersrückstellungen abgefedert werden, scheint heute bereits die Zusage des bloßen Kapitalerhalts ein gewagtes Versprechen. Damit stehen wesentliche Geschäftsfelder der Versicherungsbranche zur Disposition: Erst vor kurzem haben die zwei marktführenden Anbieter Allianz und ERGO das Ende der klassischen Lebensversicherung verkündet – einem ursprünglich langjährigen und aufgrund der Langfristigkeit der Verträge hochgradig stabilisierendem Standbein der Branche. Und auch die Forderung mancher Politiker nach der Abschaffung der privaten Krankenvollversicherung erhält durch die ungünstige Kostensituation weiteren Rückenwind.

Neue Regulatorik: Nachdem die Versicherungsbranche vor 20 Jahren eine Phase der Deregulierung durchlief, hat sich das Blatt längst wieder gewendet. Strenge Eigenkapitalvorschriften im Rahmen von Solvency II, verschärfte Auflagen an die Anlage von Kundengeldern, neue Pflichten für die Beratung, Dokumentation und Qualifizierung im Vertrieb, die Umsetzung von Complianceregeln oder verschärfte Auflagen für den Vertrieb von Finanzprodukten sind noch nicht vollständig überwunden, da stehen die nächsten umfassenden Regelwerke wie zum Beispiel die erweiterte europäische Vertriebsrichtlinie IDD in den Startlöchern. Daneben sind politische Diskussionen über Eckpfeiler der Branche wie die private Kranken(voll)versicherung oder die derzeit vorherrschende Finanzierungsform des Vertriebs durch Provisionen nicht gerade förderlich – große Mitspieler der Branche geraten hier in Existenzängste.

Demographische Entwicklung: Schließlich schwebt über dem Ganzen der demographische Faktor. Dieser bedingt in der Personenversicherung zwar neue Bedarfe und damit Marktchancen, zugleich aber auch enorme Herausforderungen an deren langfristige Finanzierung. Gleichzeitig schrumpft auch die Zahl möglicher Neukunden im mittleren und jungen Alterssegment – in dem traditionell die meisten Produkte neu gekauft werden. Und schließlich gibt es zusätzlich noch ein Nachwuchsproblem. Versicherungen, die ja eher mit einem veralteten, konservativen Image behaftet sind, stehen nicht grade ganz oben auf der Berufswunsch-Liste. Dazu kommt, dass die sehr klassischen, hierarchischen Strukturen der Unternehmen nicht dem Arbeitsumfeld entsprechen, das die Generation Y begeistert. Hier ist nicht nur ein Image-, sondern vor allem auch wieder ein Kulturwandel notwendig.

Fazit

Alles in allem lässt sich feststellen, dass die Assekuranz im Zuge der Digitalisierung mit vielen Herausforderungen konfrontiert wird, die eine Veränderung von Strukturen, Prozessen und Denkweisen erforderlich machen. Auch wenn nicht alles auf den ersten Blick positiv zu sein scheint, so reicht es hier nicht mehr nur, über den Change zu sprechen, sondern es ist an der Zeit aktiv zu werden. Nur so wird die Branche zukunftsfähig bleiben können.